Der Besuch des Zauberlehrlings bei der alten Dame

Eine satirische Betrachtung über die Auswahl von FileMaker Developers und die Folgekosten enger Auswahlkriterien.

Unternehmen suchen einen FileMaker Developer häufig nach einem Verfahren aus bewährter betriebswirtschaftlicher Alchemie: Man nehme drei Schlagworte aus einer alten Stellenanzeige, ergänze „möglichst günstig“, lasse Bewerbungen durch eine Vorauswahl laufen, die technische Risiken naturgemäß nur begrenzt bewerten kann – und vertraue darauf, dass am Ende eine tragfähige Business Solution entsteht.

Gesucht wird dann vorzugsweise jemand, der „ein bisschen FileMaker“ kann. Gemeint ist: Data Model entwerfen, komplexe Berechtigungen absichern, Scripts und Transactions robust gestalten, WebDirect oder FileMaker Go berücksichtigen, Server administrieren, Backups testen, Schnittstellen anbinden, PDF- und Document-Workflows entwickeln, Performance-Probleme lösen, Migrationen durchführen, Datenschutz beachten und im Idealfall noch freundlich erklären, warum „das kann doch nicht so schwer sein“ eine erstaunlich kostspielige Anforderung ist.

Die Auswahl konzentriert sich bisweilen auf einzelne Keywords oder den Stundensatz. Nennt sie einen niedrigen Stundensatz? Ist sie bereit, „nur kurz“ eine seit zwölf Jahren gewachsene Lösung mit 480 Tables, 1.900 Scripts und einer unbestimmten Zahl kreativ vererbter Privilegien neu zu strukturieren – natürlich ohne Documentation und möglichst bis nächsten Freitag?

Wer dann darauf hinweist, dass eine FileMaker Solution nicht nur aus Layouts mit hübschen Buttons besteht, wird gelegentlich als unnötig kompliziert wahrgenommen. Sicherheit, Data Integrity, Rollenmodell, Backup-Konzept, Restore-Test, Monitoring, Versioning, Deployment und saubere Schnittstellenlogik gelten zunächst als optionale Ausstattungsmerkmale. Etwa wie Bremsen beim Auto: Man bemerkt ihren Wert vor allem dann, wenn man sie nicht eingeplant hat.

Das Ergebnis dieser Auswahl ist erstaunlich folgerichtig. Zunächst entsteht eine Lösung, die in der Demo hervorragend funktioniert: mit den Testdaten, unter Idealbedingungen, bei Vollmond und solange genau eine Person gleichzeitig arbeitet. Später folgen die klassischen Überraschungen: Zugriffe, die mehr dürfen als vorgesehen; Daten, die sich wundersam widersprechen; Scripts, die bei kleinen Abweichungen ihre innere Freiheit entdecken; und ein FileMaker Server, dessen Backup-Konzept vor allem auf Hoffnung basiert.

Dann beginnt die Suche nach jemandem, der „die bestehende Lösung nur etwas aufräumt“. Das ist der Moment, in dem der Zauberlehrling den Besen längst in Bewegung gesetzt hat und die alte Dame höflich fragt, ob man für die Rettung des Hauses nicht doch ein etwas größeres Budget vorgesehen habe.

Die Pointe ist nicht, dass Unternehmen Fehler machen. Das tun alle. Die Pointe ist vielmehr, dass sie technische Verantwortung gern anhand fachfremder, kurzfristiger Kriterien auswählen – und anschließend überrascht sind, wenn die Kosten genau dort entstehen, wo man Kompetenz, Erfahrung und sorgfältige Analyse zuvor eingespart hat.

Eine belastbare FileMaker Solution entsteht nicht dadurch, dass ihr erster Aufbau möglichst billig erscheint. Sie entsteht durch eine angemessene Analyse der Anforderungen, ein tragfähiges Data Model, ein überprüfbares Security- und Backup-Konzept, saubere Dokumentation und die Bereitschaft, die spätere Betriebsverantwortung bereits bei der Auswahl mitzudenken. Wer diese Kriterien früh prüft, reduziert nicht nur Risiken – er vermeidet vor allem die teure Rettungsaktion nach dem vermeintlich günstigen Start.

20260920 Thomas Gagel